Zeit ... manchmal wünschte man sich, man könnte sie zurückdrehen ... manchmal würde man sein Leben dafür geben, dass man die Zeit zurückdrehen könnte.

 

Der folgende Text entstand auf Grund einer schrecklichen Zeitungsnachricht. Die Umstände habe ich etwas verfremdet, abgeändert. Aber die Not der Mutter ließ mich einfach nicht ruhen .

 

Der See kann manchmal so verdammt friedlich aussehen.

Du hast entschieden

Noch spüre ich
ich spüre noch
den kleinen Körper
warm und lebendig
an mich geschmiegt
ich presse mein Baby an mich ...

 Du hast entschieden.
Ich hab es nicht gewollt!

Ich wollte das nicht!
Ich wollte mit meinen
Kindern eine Bootsfahrt machen.
Von Radolfzell nach Moos
weißes Elektroboot, Lenkrad und Kippschalter
Ganz einfach zu bedienen.

Der Bootsvermieter
Brille und helle Bermuda-Shorts
hatte mich gewarnt
mit zwei kleinen Kindern

 Du hast entschieden.
Ich hab es nicht gewollt!

Die grell-orangen Rettungswesten
haben sie geängstigt und eingeengt.
Ich wollte meine Kinder nicht einengen!
Ich wollte
ihnen die Freiheit zeigen!
Die Rettungswesten habe ich auf die Seite gelegt.

Den Kleinen habe ich an mich gepresst.
Den Kleinen habe ich an mich gepresst.
Den Kleinen habe ich an mich gepresst...

Oh, mein Gott!
Die Luft ist heiß, die Sonne brennt
Es wären doch nur 20 Minuten gewesen...
20 Minuten, die ich nicht mehr
rück... rück... gängig machen kann

 Du hast entschieden.
Ich hab es nicht gewollt!

In meinen Träumen
wende ich mich
fahre zurück zur Anlegestelle
Herr Bootsvermieter, Sie hatten Recht! Ich steige aus!
Ich bin nicht zurückgefahren Ich bin nicht ausgestiegen
Ich bin nicht ausgestiegen
Ich bin nicht ausgestiegen!

Der Ältere ist aufgestanden
Ich will ihn festhalten!
Ich beuge mich vor
Ich erreiche ihn nicht!
Er klettert an den Bootsrand
Ich stehe auf

Bleib! schreie ich dem Älteren zu. Bleib!
Ich stehe auf, greife nach ihm!
Ich halte ihn! Er bleibt!
Aber der Kleine, der Kleine geht...

 Du hast entschieden.
Ich hab es nicht gewollt!

Ich spüre, wie er
an mir entlanggleitet!
rosa Beinchen, Ärmchen, Plastikwindel
Ich halte ihn. Bleib hier!
Bleib bei mir mein Baby!

Ich kann ihn nicht halten!
Er rutscht aus meinen Armen
und versinkt
versinkt einfach im Wasser, als habe es ihn nicht gegeben...

 Du hast entschieden.
Ich hab es nicht gewollt!

Er ist einfach weg!
Mein Kind, es ist weg!
Ich springe ihm nach, ich sehe die Füßchen!
Versuche ihn zu halten!
Ich weiss
jede Sekunde
ist kostbar.

Ich flehe dich an, Gott!
Gib mir die Kraft mein Kind zu halten!
Die Füßchen verschwinden
gibt es etwas Furchtbareres?

Ich spüre, wie er an mir entlanggleitet
Ins Wasser gleitet
Ganz sanft
So, als müsste es so sein
ich spüre, ich verliere
sein Leben...

Es ist nicht, als wenn es nicht wäre
ich spüre dass
er entglitten ist
Ich sterbe...

 Du hast entschieden.

Ich hab es nicht gewollt!

Aber da ist das ältere Kind
noch im Boot!
Weint, schreit!
Mama, bleib bei mir!

Wir sind uns so vertraut!
Drei lange Jahre konnte ich
ihn beschützen
Die Geburt, so schwer
Das erste Kind
Wir haben immer zusammengehalten!

 Du hast entschieden.
Ich habe es nicht gewollt

Ich bin wieder ins Boot zurückgeklettert
presse den Großen an mich...
presse den Großen an mich...
Ich presse den Großen an mich, während der Kleine stirbt.

DLRG, Wasserschutzpolizei
jemand flösst mir Tee ein,
Eine Frau übernimmt den Großen
nimmt ihn in den Arm
wir wechseln das Boot.
Mein Kleiner stirbt, während
der Große überlebt
Ich übergebe mich.

 Du hast entschieden.
Ich hab es nicht gewollt

Es wird ruhig.
Sie haben ihn gefunden
Mein Kleiner ist tot
Sein weißer Säuglingskörper
Liegt vor mir auf den Bootsplanken
Ich spüre ihn nicht mehr

 Werde ich mir jemals verzeihen, dass ich mich entscheiden musste?