http://www.suedkurier.de/region/kreis-konst!anz/konstanz/Abschiebung-Polizei-reisst-Familie-mit-Kindern-um-drei-Uhr-aus-Bett

In der Nacht vom 20. auf den 21.Mai 2014 wurde bei uns in der Nähe eine Roma-Familie von der Polizei abgeholt und ins Flugzeug gesetzt und in eine völlig ungewisse Zukunft, wahrscheinlich in die Obdachlosigkeit abgeschoben. Die vier Mädchen der Familie zwischen sieben und dreizehn Jahre alt waren in der Schule voll integriert, hatten Klassenkameraden, Spielkameraden, Freunde... Diese Mädchen hätten hier eine Chance gehabt!

Ich bin traurig und wütend. Ich finde es auch so schlimm, dass diese Abholaktionen anscheinend immer nachts durchgeführt werden. Warum? Jeder Hobby-Psychologe weiß, dass die Kinder dadurch traumatisiert werden.

 

Mit dem folgenden Text habe ich mir überlegt, wie geht es den Polizeibeamten damit? Das sind doch auch Menschen, die hier in unserer Demokratie sozialisiert wurden. Wie fühlen die sich, wenn sie nachts Kinder aus den Betten holen? Der Text ist natürlich fiktiv. Selbstverständlich weiß ich nicht, wie es den Kindern erging. Aber aus meiner Traurigkeit entstand der folgende Text:

 

Forever

 

 

«Scheiß-Job«, sagte der Mann und kletterte auf den Beifahrersitz.
Sein Kollege nickte.
»Und dann auch noch der Regen.«

 

Der Kollege nickte ins Dunkel. »Wie lange wirds diesmal dauern? Was meinst du?«

 

»Keine Ahnung. Kommt drauf an, ob die großes Theater machen oder vernünftig sind.« Der Mann klaubte eine Schachtel Zigaretten aus der Jackentasche und hielt sie dem Kollegen hin.

 

»Danke.« Der zog eine Zigarette heraus. »Nicht gerade gesund«, sagte er.


»Ich will schon lange aufhören«, sagte der andere und gab dem Kollegen Feuer.


»Wieder mal was von Irmi gehört?«, fragte der Kollege. Er entzündete das Feuerzeug und sah den Mann mitleidig von der Seite an.


Der Mann tat einen tiefen Zug an der Zigarette und starrte durchs das Seitenfenster ins Dunkel. »Seit letztem Mal, wo ich dir erzählt habe, nicht mehr.«


»Ist sie noch bei diesem Typen in Bayern?«


»Ist mir egal«, sagte der Mann düster.


»Wie gehts dem Jungen?«


»Schlief noch als ich ging.«


»Du weißt was ich meine. Wie gehts ihm wegen der Sache mit Irmi?«


»Ich glaube, er hat sich langsam damit abgefunden. In letzter Zeit geht er wieder gerne in die Schule, macht sogar Hausaufgaben und in Mathe hat er jetzt eine Zwei geschrieben.« Der Mann kam sich lächerlich vor, aber er konnte nicht verhindern, dass er verlegen stolz ins Dunkel grinste.


»Gratuliere! Nicht dass der Herr Sohn noch den Papa überholt«, sagte der Kollege freundschaftlich foppend, »ich habs dir immer gesagt, Rolf, aus deinem Sören wird noch was.«


Rolf nickte. »Du, ich wäre der glücklichste Mensch der Welt.«

Der Wagen bog um eine Ecke, hielt vor einem langgestrecken Gebäude. Ein Bus war ein paar Meter weiter entfernt abgestellt. Die Kollegen waren bereits ausgestiegen und als sich die zwei näherten, erkannte Rolf auch die beiden Männer in Zivil. »Die haben die Wohnungsschlüssel«, murmelte er und ließ die Zigarette in eine bleiglänzende Pfütze fallen. Das leise Zischen hörte er kaum.


»Vom Landratsamt?«, fragte der Kollege.


Rolf zuckte mit den Schultern.


»Die Schlüssel, meine ich«, fügte der Kollege hinzu.


»Komm die warten«, sagte Rolf nur.


Die Männer in Zivil hatten die Haustür bereits geöffnet und winkten den beiden Polizeibeamten zu.
Im Treppenhaus roch es nach Feuchte und Abfall. Der Lichtschalter funktionierte nicht.
»Dritter Stock«, sagte jemand. Taschenlampen flammten auf.
Leise eilten die Männer die Treppen nach oben, klingelten an der Wohnungstür.
Es blieb still. Einer der Männer klingelte wieder, steckte dann den mitgebrachten Schlüssel ins Schloss und wummerte gleichzeitig gegen die Tür.
Warte, dachte Rolf, warte, gib ihnen wenigstens Zeit sich anzuziehen.


Geräusche von innen, eine Frau rief etwas, leise. Wenige Augenblicke später wurde die Tür von innen geöffnet
»Was wolle ...?« Der Familienvater hatte sich in der Tür aufgebaut, groß und kräftig, bereit seine Familie vor nächtlicher Störung zu verteidigen; jetzt starrte er sie an, brauchte nur Sekunden, um zu begreifen. Und nun geschah etwas, das Rolf nicht erwartet hatte: Der Mann schimpfte nicht, versperrte ihnen nicht den Weg, seine Schultern fielen nach vorne. Er sank in sich; er hatte im selben Augenblick resigniert.

Eine Frau erschien in einer Tür hinter dem Mann; ihr dunkles Haar, verwurschtelt von der Nacht, hing ihr in einem Seitenzopf über das hellblau geblümte Nachthemd.
Sie starrte die Männer mit aufgerissen Augen entsetzt an: Bitte nicht, das ist nicht wahr, schien dieser Blick zu sagen. Sie zog die Strickjacke, die sie sich übergeworfen hatte, enger vor der Brust zusammen.

Der Familienvater wankte hinüber in das Zimmer der Kinder. An der rechten Wand stand ein Doppel-Stockbett und gegenüber ein Kinderbett. Auf dem Boden lag Kinderspielzeug, auf einem alten Sofa Kinderkleidung, ein paar Hefte, Schulbücher, neben dem Sofa eine aufgebockte Kindertafel.


Der Vater weckte die Kinder, eins nach dem anderen. Er schien zu wissen, er hatte keine Chance. Leise flüsterte er ihnen ins Ohr und die Kinder erhoben sich schlaftrunken, blickten verstört um sich, quengelten aber nicht. Es ging gespenstisch zu.
Als das Kleinste zu weinen begann, wurde es von der Ältesten, die etwa in Sörens Alter sein mochte, getröstet.

»Schnell!«, sagte einer der Beamten, »das Flugzeug wartet schon«
Er griff nach dem Kleinen, wollte ihn vom Bett heben.
»Lass meinen Bruder!«, zischte das Mädchen in fast perfektem Deutsch. Nur das leicht rollende R verriet, dass dies nicht ihre Muttersprache war.
Obwohl, dachte Rolf, wenn sie Bayrin wäre. Er dachte an Irmi und an Bayern und musste schlucken.
»Wie heißt du?«, fragte er das Mädchen. Er hatte zwar die Liste mit den Abschiebedaten gelesen, aber diese ausländischen Namen konnte er sich doch nie merken.


»Sefda«, sagte das Mädchen leise und begann ihre jüngere Schwester, die schlaftrunken vor dem Stockbett wankte, anzukleiden; während die Mutter im Schlafzimmer einen Rucksack mit dem Nötigsten packte.


»Sefda«, wiederholte Rolf.
»Und das ist Isik«, sagte das Mädchen fest und deutete auf die jüngere Schwester.
»Sefda und Isik«, wiederholte Rolf.


»Wir hatten Duldungspapiere«, sagte das Mädchen trotzig.«Neue, für drei Monate.«
Sollte er ihr erklären, dass Duldungspapiere überhaupt keine bindende Wirkung für die Behörden haben. Sie würde es eh nicht verstehen.

 

Das Mädchen ging hinüber zur Kindertafel und begann etwas zu schreiben. 

»Da können Sie mal sehen, was die hier in der Schule lernen«, sagte einer der Beamten unwillig.

Rolf trat näher. »SS« stand da in roter Kreide, »forever SS«. Er schrak zurück. Dann riss er sich zusammen: »Sind doch nur Kinder, Kumpel«, er nahm das gelbe Schwämmchen, das mit einer Kordel an der Tafel befestigt war und wischte die beleidigenden Worte weg.


»Rolf!« Der Kollege riss ihn aus seinen Gedanken.
»Kommst du mal kurz rüber. Der Mann macht Theater.«


Rolf eilte hinüber ins Elternschlafzimmer, das gleichzeitig auch als Wohnzimmer der Familie diente. Der Familienvater kniete vor dem Bett und flehte die Beamten in seiner ihnen unverständlichen Sprache, durchbrochen von deutschen Brocken, an:
»Bitte! Mein Kinder, nein Kinder! Nich mein Kinder! Bitte! Ich ja, aber Kinder nein, bitte! Nehme mich! Kinder Schule! Bitte! Kinder lerne! Bitte!«

Sowas kam immer wieder vor. Unangenehm, aber nicht zu ändern. Meist waren es die Frauen, die anfingen zu weinen oder gar zu kreischen.
Die Männer seltener. Rolf überlegte, wann er das letzte Mal geweint hatte. Als Irmi ihm die Hausschlüssel in die offene Hand gelegt hatte. Der Druck ihrer Hand mit dem Schlüssel hatte ihn in die Knie sinken lassen. Bitte Irmi nicht, nicht jetzt, es ist noch nicht vorbei. Denk an den Jungen!

Rolf schüttelte sich und half seinem Kollegen den Mann auf die Beine zu ziehen; sie stülpten ihm einen Anorak über und zogen ihn aus der Wohnung.


Der Familienvater wurde in den bereitstehenden Bus geschoben, in dem bereits etwa fünfzehn andere Männer, Frauen, Kinder saßen, zusammengesunken oder hoch aufgerichtet, zitternd oder versteinert.

Wenige Minuten später stand die Frau mit dem Jüngsten auf dem Arm in der Wohnungstür. Sie wirkte gelähmt, ließ sich willenlos die Treppe hinunterführen.

Inzwischen waren Nachbarn im Haus wach geworden. Türen wurden nur einen Spalt geöffnet. Jede Familie hatte Angst die nächste zu sein.


Dann wurden die beiden Mädchen die Treppe hinuntergebracht.
Die Kleinere fragte die Große etwas.

Sefda und Isik, repetierte Ralf im Kopf. Er wusste nicht warum.

Sefda versuchte, die jüngere Schwester zu beruhigen, aber ihre Stimme zitterte.


Rolf half den beiden in den Bus. Plötzlich wandte sich Sefda um: »Ich hab meinen Schulranzen oben vergessen«, sagte sie, »Wir schreiben heute Englisch.«
»Du brauchst deinen Ranzen nicht mehr«, sagte Rolf, »vielleicht brauchst du ja gar nicht mehr zur Schule zu gehen.«

Es hatte beruhigend, hoffnungsvoll klingen sollen. Bei Sören hätte es gewirkt. Er biss sich auf die Lippen.


Das Mädchen sah sie an.

Sah sie, die Männer an, einen nach dem anderen. Dann wurde die Bustür geschlossen.

Rolf hörte noch das verzweifelte Brüllen des Mannes.

»Und jetzt?« Er sah sich nach dem Kollegen um.
»Abschließen und zumachen, wie immer. Und dann weitermachen, wie immer«, sagte der Kollege.
Schweigend saßen sie im Wagen. Jetzt rauchten sie nicht. Es hatte aufgehört zu regnen. Der Morgen graute.

»Bis später!« Vor Rolfs Wohnhaus verabschiedeten sich die beiden Männer mit einem kurzen Nicken.

Rolf schloss seine Wohnungstür auf, ging in die Küche, setzte sich einen Kaffee auf. Bis er den Jungen wecken würde, war noch Zeit.

Mit dem Becher heißen Kaffee ging er hinüber ins Zimmer des Jungen; die Tür zum Flur ließ er geöffnet, um das Licht im Zimmer nicht einschalten zu müssen. Er setzte sich auf die Bettkante, stellte den Kaffee auf dem Fußboden ab.


Der Junge schlief tief, ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Auf dem Nachttisch lag das Mathematikheft.
Stolz lächelte Rolf und nahm es auf. Er blätterte: erst die Vieren und Fünfen, dann die Zwei, von der Sören ihm heute erzählt hatte.

Die Lehrerin hatte etwas dazugeschrieben: Das Licht reichte nicht. Rolf stellte sich mit dem Heft in den Türrahmen, wo das Flurlicht auf die beschriebenen Seiten fiel:
»Schön, dass du endlich im der Klasse angekommen bist«, hatte die Mathematiklehrerin geschrieben, »und dass du die Unterstützung deiner Banknachbarin Sefda annimmst! Weiter so!«
Rolf ließ das Heft sinken. Ein kleiner Zettel fiel heraus. Er hob ihn auf. Es war ein herzförmig ausgeschnittener zartgrüner Notizzettel. Mit kleinen roten Blümchen umrankt, stand da in der Schrift seines Sohnes:


»SS = Sefda + Sören«
und darunter: »forever«
Rolf weinte, zum ersten Mal seit vielen Jahren.