Das Liebestagebuch war eine "Auftragsarbeit". Wir, also die Schreibgruppe Wortwahl, wollten ein gemeinsames Thema für eine gemeinsame Lesung haben.

Irgendjemand kam auf die Idee mit den Erotischen Tagebüchern. Und so haben denn meine Schreibkollegin Christina und ich zur Inspiration gemeinsam einen Sex-Shop aufgesucht. Rein aus Recherche-Gründen natürlich ... ich schwör`s ...  ;-)

 

Abgekühlt haben wir uns anschließend in der nächsten Eisdiele.

Gelesen haben wir unter anderem im Kulturkeller Engen

 

Das Liebestagebuch ist etwas ... ja, wie soll ich sagen ... doch lest und urteilt selbst ...

Liebes Tagebuch ...

heute habe ich ihn gesehen. Du weißt schon wen. Ich sitze im Fenster bei McDonalds und gucke so nach draußen und da seh ich ihn: Er lehnte an der Wagentür seines beigefarbenen BMW, zog an der Zigarette und glotzte den Mädels nach. Ich meine, ich habe ihn sofort erkannt. Schließlich hat meine Schwester ihn mir beschrieben. Sein Haar ist blond, aber gefärbt. So was sehe ich sofort. Er  trug eine hellblaue Leinenjacke. Darunter Jeans. Und darunter? Ich will nicht darüber nachdenken - noch nicht.

Als ich nach Hause kam, war meine Schwester schon da. Sie hatte aber keine Zeit.
Später saß sie vor dem Fernseher. Dort küssten sich zwei.

*

Liebes Tagebuch,

letzte Nacht hat meine Schwester mir von einem Laden in der Stadt erzählt. Dort kriegt man sexy Unterwäsche, sagt sie. Und Nylonstrümpfe mit einer langen Naht, die von den Fersen bis zum Schenkel führt. Sie hat sich extra welche für den Taxifahrer gekauft. Damit er sie wieder beachtet. Aber er beachtet sie nicht. Nur das eine Mal, da hat er sie sehr beachtet.
„Ich war für ihn ein Spielball“, flüstert sie an meinem Bett, „Spielball für eine Nacht, nein, für eine Stunde auf dem Parkplatz.“
Fast jede Nacht flüstert sie so was. Und dann höre ich ihr leises Schluchzen und der Geruch von Schweiß und Traurigkeit umhüllt uns. Und wenn ich es dann nicht mehr aushalte, dann tue ich so, als würde ich gerade aufwachen, weil, dann putzt sie sich leise die Nase, streicht mir über mein dünnes Haar und hört auf zu weinen. Ich halt es nicht aus, wenn meine Schwester weint. Wenn meine Schwester weint, werde ich zurückgetragen in die andere Galaxie. Ich will das nicht.

*

Liebes Tagebuch,

weißt du was ich mich heute getraut habe? Ich war in dem Laden, in dem man die sexy Unterwäsche kriegt. Es war ein bisschen halbdunkel und ohne Fenster und überall blinkte was. Zuerst klopfte mein Herz vor seltsamer Unruhe, aber schließlich sagte ich mir: „Hüterin der Galaxie, das kennst du doch. Und wenn du nachts in deinem Bett liegst, sieht es auch aus, als wenn alles dunkel wäre und wenn du dir dann deinen verschlissenen Morgenmantel überziehst und ans Fenster trittst, siehst du auch Milliarden von Sternen, die die Nacht erleuchten.“

In dem Laden gibt es viele lustige Sachen zu kaufen, Tagebuch, mit und ohne Batterien und auf den Packungen sind Männer und Frauen abgebildet. Ganz nackt. Manche haben glänzendes Zeugs an. Lack und Leder, steht auf einer Packung. Irgendwie erinnert mich das an früher, liebes Tagebuch. War das, als ich noch auf der anderen Galaxie lebte?


*

Du wirst es nicht glauben, Tagebuch, du, heute habe ich ihn wieder gesehen. Natürlich glaubst du es. Schließlich bist du nur ein Tagebuch.
Nicht beleidigt sein! Du bist ein sehr nettes Tagebuch und - ehrlich gesagt, Tagebuch, wenn man Tagebücher vögeln könnte, wärst du das erste. Ich schwörs.
Egal, jedenfalls war ich am Automaten. Um mir eigene Visitenkarten zu drucken. 20 Stück für 5 Euro! Eigene Visitenkarten!
Ich hatte aber nur einen 10-Euro-Schein. Ich bin mit meinem 10-Euro-Schein ganz gemütlich an den Taxis vorbeigeschlendert. Der beigefarbene BMW war das dritte Taxi. Der Taxifahrer las die Bildzeitung und blickte kurz auf, als ich mit meiner Hüfte an seiner Wagentür entlangstreifte. Der sonnengewärmte Lack fühlte sich glatt und - - irgendwie  fast heiß an. Ich ging um das Auto herum und klopfte ans Fenster. Der Mann sah mich fragend an. Ich wedelte mit dem Geldschein vor der Scheibe herum, bis er sie herunterkurbelte.
„Ich brauch Visitenkarten“, sagte ich, „können Sie mir Geld wechseln?“
Ich reichte den 10-Euro-Schein in den Wagen. Der Mann zog eine schwarze Brieftasche hervor und reichte mir zwei Fünfer. Er sah mich kaum an, aber ich sah, dass er einen Ring trug. Das war  so einer, blitzte es durch mein Hirn, wie die jungen Kunden ihn früher manchmal verlegen abstreiften, wenn man sie amüsiert anschaute.
Als ich nach Hause kam, saß meine Schwester vor dem Fernseher. Ich glaube, sie hat wieder geweint.
Morgen muss ich mir unbedingt Lacklederstiefel kaufen.


*

Tagebuch, Lacklederstiefel sind heutzutage ziemlich teuer, habe ich gemerkt und eigentlich riechen sie auch gar nicht nach Leder. Irgendwie war mir das nie aufgefallen. Werden die nicht aus richtigen Tieren gemacht, Tagebuch? Ich muss meine Schwester mal fragen, wo die Lacktiere leben; schwarze Lacktiere mit Lederhaut, die sich warm und glatt anfühlt, wenn man sie streichelt. Ob sie quieken wie kleine Schweine, wenn man sie tötet? Und - ob sie dann endlich nach Leder riechen?


*

Liebes Tagebuch,

außer dir habe ich keinem etwas erzählt von meinem Plan, nicht mal meiner Schwester. Wem sollte ich es auch erzählen. Meine Schwester wird staunen.


*

Tagebuch, ich muss schon sagen, manche Leute sind wirklich
komisch. Die junge Verkäuferin in dem Laden hat mich so seltsam  angekuckt, als ich die schwarzen Strümpfe mit der Naht und den schwarzen Strumpfhaltergürtel bezahlte. Gut, ich musste mein ganzes Münzgeld zusammensuchen und die Strümpfe passen jetzt vielleicht nicht so zu meiner beigefarbenen Bluse und meinem karierten Faltenrock.
Kein Grund mir meinen Plan zu vermiesen. Ich sollte mir ihr Gesicht merken.
Die Strümpfe habe ich dann übrigens unter meinem Kopfkissen versteckt.


*

Oh, Mann, liebes Tagebuch, letzte Nacht habe ich geträumt, ich hätte den Taxifahrer gevögelt. Schweißgebadet bin ich aufgewacht.


*

Liebes Tagebuch,

ich muss dir was gestehen: Ich habe die Strümpfe anprobiert. Ich habe das kleine Nachttischlämpchen angeknipst, mich auf die Bettkante gesetzt und vorsichtig den Hüftgürtel umgelegt. Dann habe ich den einen Strumpf erst zusammengerollt, bin mit meinen Zehen in das kleine, warme Nest hineingeschlüpft, habe den Strumpf über meine Ferse gezogen und habe ihn dann ganz langsam über die Waden, und dann die Oberschenkel gerollt. Findest du das schlimm? Es ging ganz einfach, so als hätte ich das schon eintausendachtundertsiebenundsechzig Mal gemacht. Auf der anderen Seite der Galaxie?
An der Innenseite meiner Schenkel kitzelte es, ich meine, du weißt schon wie, Tagebuch. Beim zweiten Strumpf auch. Ich kam ein bisschen in Versuchung, aber nur ein bisschen...
Nachdem ich beide Strümpfe befestigt hatte, huschte ich schnell in den Flur und schaute mich in der großen Glastür an - ohne Höschen: Mann - oh - Mann- ganz schön sexy, Tagebuch, ich sags dir!  Wenn ich könnte, ich würde mich selber vögeln. Okay, Tagebuch, ich weiß, du wärst zuerst dran.


*
 
Liebes Tagebuch,
irgendwie muss ich ihn auf mich aufmerksam machen.


*

Tagebuch, ich bin stinkesauer! Meine Schwester hat die Strümpfe gefunden! Sie hat mir heute Morgen geholfen mein Bett zu machen und dabei sind sie rausgefallen, beim Kissenaufschütteln. Sie hat gegrinst und sie in den Schrank zu meinen Socken getan. Das mit den Socken ist okay, aber das Grinsen gefällt mir nicht. Ich weiß nicht, ob ich ihr überhaupt noch helfen soll.


*

Liebes Tagebuch,

letzte Nacht hatte ich eine Erleuchtung! Zuerst konnte ich überhaupt nicht einschlafen. Ich habe die ganze Zeit am Fenster gestanden, zu meiner Galaxie geglotzt und rumgegrübelt. Dann kam mir der einzig richtige Gedanke. Ich mach es wie meine Schwester: ich fahre mit dem Taxi. Vielleicht vom Bahnhof zum Media-Markt? Bald werde ich Taxi fahren!

*

Liebes Tagebuch,
 
am Bahnhof habe ich mir die Schließfächer angekuckt. Mein Schließfach soll eine besondere Zahl haben. Hoffentlich ist morgen eine besondere Zahl frei.

Übrigens habe ich mir eine Perücke gekauft. Eine mit dickem, schwarzem, glänzenden Bubikopf. Mein dünnes blondes Haar macht keinen Mann an, oder würde es dich etwa anmachen, Tagebuch? Sei ehrlich! Siehst du! Letzte Nacht hat meine Schwester wieder an meinem Bett gesessen und leise geredet und dann hat sie wieder geweint. Ich war drauf und dran sie zu trösten und ihr meinen Plan zu erzählen, aber sie hat sich hastig entschuldigt, dass sie mich geweckt habe und ist aus dem Zimmer gehuscht. Ich lag alleine da und habe lange in die Dunkelheit gestarrt.


*

Liebes Tagebuch!

Heute habe ich die Anziehsachen schon mal aus dem Haus geschafft! Ich hab sie in meinen Rucksack gestopft und am Bahnhof in ein Schließfach mit der Nummer 6 gelegt. Verstehst du, Tagebuch? Sechs wie Sex...hihi! Ich hab doch gesagt, eine besondere Zahl! Ich bin ja so wahnsinnig guuut!
Als ich aus dem Bahnhof trat, steuerte ich sofort meinen Taxifahrer an. Der schüttelte bedauernd den Kopf, deutete auf das leere Fahrzeug vor ihm und grinste irgendwie hinterhältig.
Ich wollte doch noch gar nicht mitfahren, noch nicht. Ich wollte nur mal kucken, Tagebuch.


*

Liebes Tagebuch,

morgen ist es soweit, morgen werde ich Taxi fahren! Ich habe meiner Schwester gesagt, dass ich etwas später komme.


*

Liebes Tagebuch, ich bin glücklich! Im Bahnhofsklo habe ich mir die Strümpfe angezogen, einen kurzen Rock von früher und meinen langen Mantel, damit mans nicht gleich sieht. Dann die Perücke. Oh Tagebuch, ich sah so anders aus damit! Du hättest mich auch nicht erkannt! Ich schwörs. Ich hab gewartet, bis das Taxi meines Taxifahrers ganz vorne in der Reihe stand. Dann bin ich hin. Ich habe mit meiner Hüfte kurz die Fahrertür gestreift und dann ans Fenster geklopft. Ich solle mich auf den Beifahrersitz setzen, sagte er. Doch ich setzte mich nach hinten, auf die Rückbank. Ich bin raffinierter als alle denken.

Das Taxi fuhr an und ich schlug meinen Mantel auseinander.
„Zum Mediamarkt“, sagte ich lässig und lächelte in den Rückspiegel. Ich spürte das weiche, warme Leder des Rücksitzes an meinen Schenkeln, als ich meinen Rock etwas nach oben zog. Ich rutschte ein wenig hin und her und lehnte mich dann weit nach hinten, um meinen Taxifahrer auf mich aufmerksam zu machen.

Er fummelte am Rückspiegel herum. Ich wusste, er würde ihn so einstellen, dass er meine Beine sehen konnte.
Langsam, ganz langsam öffnete ich die Schenkel. Ganz langsam und nicht sehr weit. Dann klappte ich sie wieder zu. Und dann öffnete ich sie wieder. Ganz langsam und ein bisschen  weiter - damit er etwas sehen konnte, aber nicht alles. Und damit er Hoffnung bekäme.
Am Mediamarkt zahlte ich, ging auf die Kundentoilette, zog  mich wieder um, fuhr mit dem Bus zum Bahnhof zurück, stopfte den Rucksack wieder in mein Schließfach und fuhr mit dem Seehas die paar Stationen nach Hause.

Meine Schwester saß vor dem Fernseher und  lächelte mir aufmunternd zu. Siehst du, Tagebuch, es hat schon gewirkt. Es geht ihr schon besser.


*

Tagebuch, ich bin ja so raffiniert! Gestern habe ich das gleiche wiederholt. Nur öffnete ich meine Beine dieses Mal ein wenig weiter. Der Taxifahrer grinste und zufrieden stellte ich fest, dass er den Rückspiegel leicht nach vorne kippte und ich wusste er würde ihn so einstellen, dass er mir zwischen die Beine kucken konnte. Aber seine Hoffnung wurde noch nicht erfüllt. Ich behielt mein Höschen an. Noch behielt ich mein Höschen an.


*

Jetzt habe ich schon ein paar Tage nicht mehr geschrieben Tagebuch, aber es hat sich nicht viel ereignet, außer, dass ich jeden Tag Taxi fahre. Und jeden Tag öffne ich die Beine ein wenig weiter, Tagebuch und der Taxifahrer wird jeden Tag ein bisschen geiler. Das sollte er vielleicht nicht, oder Tagebuch?


*

Liebes Tagebuch,

gestern bin ich wieder Taxi gefahren. Diesmal setzte mich gemütlich hin und machte erst mal gar nichts. Dann zog ich den Rock wieder etwas hoch. „Ich mach es mir ein bisschen bequem“, sagte ich. Der Taxifahrer nickte.
Nach einer Weile –wir waren schon an der Brücke und ich bemerkte dass der Taxifahrer immer wieder nervös in den Spiegel schaute – öffnete ich meine Schenkel zuerst nur ganz wenig und dann ganz langsam, wie in Zeitlupe, öffnete ich sie ganz weit. Von hinten sah ich dass, der Taxifahrer trocken schluckte. Ich lehnte mich zurück, gegen die Sitzlehne. Der Taxifahrer fuhr sich mit der Linken durchs Haar. Ich zog den Rock weiter hoch. Kurz vor dem Mediamarkt stellte ich die Füße plötzlich mit gespreizten Beinen auf der Sitzbank ab. Heute trug ich kein Höschen.
Der Taxifahrer stoppte abrupt. Er atmete so komisch.

„Wir äh, wir könnten doch noch irgendwohin weiterfahren“, sagte er heiser.
„Irgendwohin wo uns nicht jeder sehen kann.“ sagte ich leise. Dann schlug ich die Beine rasch wieder zusammen „Ich kann die Fahrt nicht zahlen“, sagte ich.
Er grinste nervös: „Macht nichts, du äh, Sie sind mein Gast. Wir könnten in Richtung Reichenau fahren. Da kenne ich einen schönen Parkplatz.“
Ich nickte. Tagebuch, ich war so glücklich.
Auf dem Parkplatz am Wald ging dann alles ganz rasch. Er öffnete die Fahrertür, stieg aus. Ssssst machte sein Reißverschluss. Er öffnete die Rücksitztür. Leg dich hin, sagte er. Ich legte mich längs auf die Rücksitzbank und öffnete die Beine.
Er war heftig und schnell.
Als er  fertig war und merkte, dass meine Perücke verrutscht war, sah er mich irgendwie komisch an.
„Fährst du mich nach Hause?“, fragte ich und legte die Perücke neben mich auf den Rücksitz.
„Wo wohnst du?“
Als ich ihm die Adresse sagte, sah ich mit Vergnügen, wie er sich ein bisschen fahrig den Reißverschluss hochzog.

Vor meiner Wohneinheit hielt er an.
„ZPR? Die Klapse? Bist du, äh, Krankenschwester?“
Ich dachte an meine Schwester. „Nein“, sagte ich, „warum?“
Er rieb sich das Kinn und grinste unsicher: „Die Nummer eben, die bleibt aber unter uns, Mädchen, ja?“
„Klar, Mann.“ Ich nickte.

Als ich ausstieg kramte ich aus meiner Handtasche meine Visitenkarte und hielt sie ihm hin.
„Behalt mal, Mädchen“, sagte er, „ich bin nicht so für was Festes. Das war ne einmalige Sache eben.“
„Ich weiß“, sagte ich, „trotzdem“, und steckte ihm die Karte hinter die Scheibenwischer.

Ich drehte mich in der Eingangstür noch einmal um und freute mich riesig, als ich im Halbdunkel beobachtete, wie er ausstieg, die Visitenkarte unter dem Scheibenwischer hervorzog, sich wieder in den Wagen setzte, wie er die Visitenkarte las und wie sein süffisantes Grinsen sich in Zeitlupentempo in eine entsetzte Fratze verwandelte. Er sprang aus dem Wagen.
„Du Arschloch, du Hure, du verdammtes kleines Arschloch!“,  hörte ich ihn brüllen. Er trat gegen die Reifen seines beigefarbenen BMW. Dann rannte er hinter mir her. Der Pförtner an der Rezeption hielt ihn auf.
„Hat sie die Taxifahrt nicht bezahlt?“, hörte ich ihn mitleidig sagen. „So was kommt vor.“
Hinter mir schlossen sich sanft die beiden Glastüren meiner Abteilung. Im Besucherklo zog ich mich schnell um, stopfte die Perücke und die anderen Sachen in eine Plastiktüte und schleuderte sie aus dem schmalen Fenster in den Hinterhof, dort wo die Müllcontainer stehen.
 
Ich musste noch grinsen, als ich schon im Bett lag und meine Schwester mit den Nachtmedikamenten kam.
„Maria“, murmelte ich, „Schwester Maria, ich habe Sie gerächt. Sie können wieder glücklich sein.“
„Aha?“, fragte sie unsicher und schloss das Fenster.
Ich merkte, sie hatte keine Ahnung und fischte das Päckchen mit den restlichen 19 Visitenkarten aus meinem Rucksack.
„Visitenkarten? Sie haben sich Visitenkarten machen lassen?“
Ich nickte stolz: „Selber gemacht am Automaten. 20 Stück  für 5 Euro.“
Meine Schwester machte ein ernstes Gesicht: „Jutta Gruber“, las sie halblaut vor, „Wächterin der Milchstrasse, zurzeit auf der Reise durch die andere Galaxie, zurzeit Patientin des Zentrum für Psychiatrie Reichenau“, dann las sie die Adresse. Statt einer Postleitzahl hatte ich HIV positiv angegeben.
Ich gluckste.
Meine Schwester blätterte den Packen Visitenkarten wie ein Quartettspiel durch und legte ihn auf den Nachttisch. Sie sah mich freundlich an:  „Frau Gruber, das mit der Aids-Erkrankung müssen Sie nicht angeben“, sagte sie sanft und strich mir über mein dünnes, blondes Haar, „das geht niemanden etwas an. Das ist nur wichtig, wenn man Blut spendet oder wenn man mit jemandem intim wird.“
„Ach so“, sagte ich und lächelte.

Als die Nachtspritze zu wirken begann, begab ich mich zurück auf meine Reise durch die Galaxie und leise wie eine Milchstraße murmelte das Aufschluchzen von Schwester Maria durch meine Gehörgänge.

Aber zum Weinen hat sie jetzt ja nun wirklich keinen Grund mehr, liebes Tagebuch, oder?