Johannes und Greta, ein Märchen, das während meiner Ausbildung zur Schreibtherapeutin entstanden ist.

Johannes und Greta

Die Beerdigung war vorbei.
Die beiden weißen Kindersärge waren in das Grab hinabgelassen.
Die Trauergemeinde war zum Leichenschmaus zusammengekommen.

Laut schluchzte die Mutter auf. 
»Jetzt sind die Kinder tot«, murmelte die Nachbarin.
Johannes und Greta schwiegen.

»Irgendjemand trägt die Schuld«, sagte die Nachbarin und blickte die anderen Trauergäste an. Einen nach dem anderen.
»Tuberkulose«, sagte jemand leise, »da kann man nichts machen.«

»Irgendjemand trägt die Schuld«, wiederholte die Nachbarin düster und nahm sich ein Stück Sandkuchen.

Mit zitternder Hand schnitt der Vater Käsekuchen in kleinere Stücke, legte eines davon der Mutter auf den Teller.
»Du musst was essen«, sagte er zärtlich, »möchtest du ein bisschen Sahne dazu?«
»Ich kann nichts essen«, flüsterte die Mutter.
 
Die Nachbarin schob weiteren Sandkuchen in ihren Mund, leckte sich ein paar Krümel aus dem Mundwinkel.
Böse sah sie in die Runde.
»Möchten Sie vielleicht noch Käsekuchen?«, fragte die Mutter.
»So straft Gott die Sünder«, antwortete die Nachbarin und stippte mit dem mit Spucke angefeuchteten Mittelfinger Kuchenkrümel vom Dessertteller auf.
Die Mutter schluchzte.  

»Was erzählen Sie für einen Unsinn!«, fuhr der Vater auf.
Die Nachbarin starrte dem Vater ins Gesicht: »Vielleicht tragen Sie ja die Schuld - am Tod Ihrer Kinder? Vielleicht haben Sie ja gesündigt. Spielen Sie nicht gerne Karten, drüben in der Eckkneipe?«
»Versündigen Sie sich nicht«, flehte die Mutter.
»Vielleicht hätten Sie öfter in die Kirche kommen sollen oder mehr beten, anstatt sich zu schminken, wenn Sie zusammen ausgehen?« Der zusammengekniffene Mund der Nachbarin war eine Wunde, aus der die bösen Worte tropften.
Worte wie Sünde ... und Schuld ... und so ...

»Sie haben doch gehört, Tuberkulose.« Der Vater lachte bitter. »Können Sie sich nicht einfach um Ihre eigenen Sachen kümmern, Sie sehen doch, meiner Frau geht es nicht gut. Ich hol mir mal eben meine Zigaretten«, sagte er gereizt an die Mutter gewandt.
Die Mutter nickte, hob die Tasse heißen Kaffee an den Mund.
 
»Rauchen, aha ...», suchend befingerte der Blick der Nachbarin die Anwesenden, verschonte die Mutter, blieb nun aber an Johannes hängen.
»Jemand in der Familie trägt die Schuld«, fixierte sie den Jungen, »umsonst passiert so ein Unglück nicht.«
»Wo sollte ich sie denn tragen, die Schuld?«, Johannes lachte verlegen, »hier in meinen Händen, unter dem Arm oder auf den Schultern? Da is` nix!«
»Lassen Sie doch bitte die Kinder in Ruhe«, bat die Mutter.
Ihre Stimme klang schwach.

Der Vater kam zurück mit den Zigaretten, legte sie auf den Tisch. Johannes und Greta sahen sich an. Vor ein paar Tagen hatten sie beim Indianerspielen im Schuppen eine von Vaters Zigarettenschachteln gefunden und dann einen Riesenstreit gehabt, ob ein Kamel oder ein Dromedar auf der Packung abgebildet war. Sie hatten sich so laut gezankt, dass sie die fiebernden Zwillinge geweckt hatten.
»Seid ihr denn noch zu retten!«, hatte die Mutter aus dem Fenster geschrien und sich dann den wimmernden Kleinen zugewandt.
»Mama sagt, wir sind Zigaretten«, hatte Johannes irritiert gemurmelt und ein altes Feuerzeug aus der Hosentasche gezogen.
Nach weiteren Diskussionen hatte er schließlich zugegeben, dass es ein Dromedar war und dann hatten die beiden gemütlich oben in ihrem Baumhaus als Greta-Nscho-tschi und Johannes-Winnetou eine Friedenszigarette geraucht - bis ihnen schlecht war.

Die Packung hatten sie später in den Schuppen zurückgelegt. Ob der Vater gemerkt hatte, dass eine Zigarette fehlte?

Greta spürte den durchdringenden Blick der Nachbarin und fühlte, wie die Eisflammen sich in sie hineinfraßen.
»Hast du die Schuld, Greta?«, fragte die Nachbarin frostig.
»Nein! Wo denn?« Hilflos sah sich Greta um.

Die Stecknadelkopfpupillen in den glasklaren, blauen Augen musterten Greta kalt.
»Jemand trägt die Schuld«, zischte die Nachbarin. Angstvoll wich Greta zurück. »Jemand trägt die Schuld!«, fauchte die Mundwunde und begann zu sabbern. »Hast du die Schuld, Greta?«
Greta sah verzweifelt an sich herab. Nirgendwo konnte sie die Schuld entdecken, nein.
Entsetzt schoss es ihr durch den Kopf, dass auf geheimnisvolle Weise durch das Zwillingewecken und durch den Zigarettenklau die Schuld am Tod der Geschwister sich auf ihren Schultern festgeklammert haben könnte. Sie meinte schon das Gewicht und die Kälte zu spüren und beugte sich unter dem eisenden Blick der Nachbarin.

»Jetzt ist aber Schluss«, fuhr der Vater dazwischen.«Verlassen Sie sofort unsere Trauerfeier!«
»Sie dürfen mit den Kindern nicht so nachgiebig sein«, zischelte die Nachbarin und warf Greta noch schnell einen klirrenden Blick zu, bevor sie die Tür hinter sich zuknallte.


                                                                        ***

»Papa, wie sieht die Schuld denn aus?«, fragte Greta fröstelnd, als sie dem Vater später Gute Nacht sagte.
»Fängst du auch noch damit an«, ärgerlich legte der Vater die Zeitung beiseite. »Jetzt geh mal ins Bett und mach, dass du ans Schlafen kommt, sonst wird eure Mutter noch trauriger. Und dafür trägst du dann tatsächlich die Schuld.«
Wieder spürte Greta die unsichtbare Last auf ihren Kinderschultern.

»Mama?«, fragte sie, als die Mutter sich über sie beugte, um ihr einen Gutenacht-Kuss zu geben. »Hab ich die Schuld?«
»Ach, Kind«, flüsterte die Mutter, streichelte Gretas schuldbeladenen Rücken und begann wieder zu weinen.

»Johannes?«, raunte Greta, als die Mutter mit verweinten Augen das Kinderzimmer verlassen hatte, »Kannst du bitte mal was kucken?«
Sie huschte aus dem Bett, hinüber zum Bruder, der sich an den Computer geschlichen, Kopfhörer aufgesetzt und ein Autorennen angeklickt hatte. Unruhig schaute er zur Tür, ob die Eltern sie hörten.
»Was soll ich denn kucken?«, flüsterte er genervt. Sein Auto war gerade dabei, einen roten Jaguar zu überholen.
»Kannst du mal kucken, ob du hier irgendwo bei mir die Schuld siehst. Es ist so schwer auf meinen Schultern.«

Johannes stand auf, besah prüfend die Schultern und den Kinderrücken der Schwester. »Sehen kann ich nichts«, stellte er fest.
»Aber irgendwo muss sie doch sein«, Greta war fast verzweifelt. »Es tut auch so weh. Irgendwo muss sie doch sein.«
»Du hast Recht«, sagte Johannes mit gedämpfter Stimme, »irgendwo muss die Schuld sein, sonst würde die Nachbarin sie nicht suchen.«
»Und sonst würde mir der Rücken nicht so weh tun.«

Johannes nickte. Jemand musste der Nachbarin die Schuld geklaut und sie dann unsichtbar auf den Schultern der Schwester befestigt haben. Vielleicht, so überlegten die Kinder, wenn sie die Schuld fänden und sie der Nachbarin zurückgäben, würde die Mutter nicht mehr so traurig sein und Gretas Rücken nicht so schmerzen.


                                                                         ***
Pong! Pong! Pong!
Greta setzte sich auf, rieb sich die Augen. Hatte sie schon geschlafen? Vom Bett des Bruders kam leises Schnarchen.

Da wieder: Pong! Pong! Pong!
Greta versuchte, sich zu orientieren. Das Geräusch kam eindeutig vom Fenster.

Pong! Pong! Pong!
Durch den halb geöffneten Vorhang warf der noch fast volle Mond einen langen Lichtschatten über den Fußboden des Kinderzimmers, fast bis zu Gretas Bett.
Greta schlug die Bettdecke zurück und tappte zum Fenster. Kalt war der Boden.

Rasch schob sie die Spielsachen auf Seite, stieg in den Wäschekorb mit der schmutzigen Wäsche und kletterte auf die Fensterbank. Sie legte das Gesicht an die kühle Scheibe und schirmte die Augen mit den Händen ab. Wolken hatten sich über den Mond geschoben. Im Garten konnte sie nichts erkennen.

Pong! Sie schrak zurück. Ein Zweig der alten Weide, nahe dem Haus, hatte gegen die Scheibe geschlagen.
Vorsichtig öffnete Greta den rechten Fensterflügel. Auf der schmalen Fensterbank lag ein Schuhkartondeckel, der zurzeit als Garage für Johannes Matchbox-Autos diente.
 
„Na endlich!“
Verdutzt beugte sich Greta in den Garten hinab, konnte aber nichts entdecken.
„I hab denkt, du wirschd nie wach.“
Neben ihr schwang eine gewöhnliche Landschildkröte ihr Hinterteil über den Steg des Fensterrahmens und landete direkt in der pappenen Garage zwischen den Spielautos.

Aus dem dicken, mit unregelmäßigen Sechsecken geschmückten Panzer schraubte sich der faltige Hals mit dem kleinen Kopf noch einmal in Richtung des dunklen Vorgartens.
»Danke Windle!«, rief die Schildkröte, »Danke Weidezweigle! Die habet mir nämlich gholfe«, sagte sie erklärend zu Greta, »sonschd wärschd du ja nie wach gworde.«
Greta nickte brav.
Die Schildkröte hatte eine so alte, raue Stimme und sprach außerdem mit schwäbischem Akzent, dass Greta sich kaum vorstellen konnte, dass Weide oder Wind sie überhaupt verstehen würden.
Doch jetzt legte sich der Wind für einen Augenblick und der Weidenbaum deutete eine leichte Verbeugung an.

Sich bedächtig wiegend betrachtete die Schildkröte das Zimmer. »Aufräume könnteschd du auch mal!«
»Ich weiß.« Greta sah sich verlegen in dem vom Mond beschienenen Zimmer um.
Der Fußboden war mit Barbiepuppen, Kinderbüchern, Schulheften, Buntstiften, Indianerhosen, Federn, einer Schaufel für den Garten, einem Fußball, Tischtennisschlägern und weiterem undefinierbarem Spielzeug bedeckt. 

»Aber es sind auch Johannes seine Spielsachen dabei«, schmollte sie.
»Net immer die Schuld auf andere schiebe«, sagte die Schildkröte. »Wenn des dei Mutter wüschde.«
Greta spürte wieder die Last auf ihren Schultern. Die Schildkröte schien nicht richtig informiert zu sein. »Ich will die Schuld doch gar nicht auf andere schieben«, flüsterte sie, »ich will sie doch nur der Nachbarin zurückgeben.«
»I woiß«, theatralisch warf die Schildkröte die Vorderbeinchen in die Luft und schritt melodramatisch zwischen violettem Chrysler, dunkelblauem Citroën und gelbem Lotus-Rennwagen nach vorne. »I woiß und was moinschd du, warum i hier bin?«

Das mit Autos beladene Papp-Tablett, das ein Stück über den Rand der Fensterbank ragte, wackelte gefährlich. Die Schildkröte machte einen weiteren gezierten Schritt und stürzte mitsamt der improvisierten Autogarage in den Wäschekorb.
Ein paar Fahrzeuge knallten auf den Boden.
»Könntest du vielleicht etwas leiser sein, mein Bruder schläft«, flüsterte Greta und sah sich nach Johannes um. Leises Schnarchen kam aus seiner Zimmerecke.

»Und könnteschd du mir mal behilflich sei«, ächzend versuchte die Schildkröte sich von Sporthosen und Kinderpullovern zu befreien.

»Ja klar!« Hastig hüpfte Greta von der Fensterbank und half ihrem nächtlichen Gast aus den Textilien.
»Nimm mi doch einfach mit zu dir ins Bettle, dann könned mir uns in Ruhe miteinander unterhalde«, schlug die Schildkröte vor und zog sich einen rot-geringelten Kindersocken vom runzeligen Hals.

Stimmt. Greta knipste das kleine Nachttischlämpchen an und kroch ins Bett zurück.
»Möchtest du unter die Decke?«, fragte sie und hob die Zudecke an, um der Schildkröte ein warmes Plätzchen zu gewähren.
 „Du haschd gfurzt!“, angewidert zog sich der Schildkrötenkopf zurück. »Des isch net sehr charmant!«
Rasch setzte Greta die Schildkröte neben sich auf das Kopfkissen.
„Wer bist du denn überhaupt?“, fragte sie zaghaft, auch um vom Thema Unter-die-Bettdecke-pupsen abzulenken.
»Wurde aber au Zeit, dass du fragschd«, vorsichtig witternd schob sich der Schildkrötenkopf unter dem Panzer hervor.  Verlegen kaute Greta an ihrem Schlafanzugärmel.  Doch zum Glück, der Pups schien verflogen.
»Lässchd du jeden einfach ins Haus nei, der auf deiner Fenschderbank sitschd?«, fuhr die Schildkröte fort. »I hätt ein Bankräuberle sei könne, oder oiner, der euren Käsekuche esse will. Wenn das dei Mutter wüsschde! Isch eigentlich, noch was übrig - vom Kuche?«, fügte sie rasch hinzu.
Greta nickte.
»Wie heißt du denn?«, fragte sie leise.
»Fallada«, sagte die Schildkröte.
Greta sah sie verständnislos an. So einen Namen hatte sie noch nie gehört.
»Iiich haißee Fallada«, die Schildkröte bemühte sich offensichtlich, hochdeutsch zu sprechen. »Wie das Pferd Fallada aus dem Märchen Die Gänseliesel.« Die Schildkröte versuchte ein leises Wiehern, brach dann aber verlegen ab.
»Aha. Unt ich heiße Greta. Wie Gretel aus Hänsel unt Gretel. Unt wiesooo bist tu hier, Fallada?« Auch Greta bemühte sich, deutlich zu sprechen.
»Ich will euch helfe, die Schuld zu suche.«
Greta nickte erleichtert. »Oh Schildkröte, ähm ... Fallada, das wär so toll! Danke! Aber mein Bruder hilft auch mit!«, fügte sie rasch hinzu und warf Fallada einen drohend-fragenden Blick zu.
»Des ischd doch klar!«, Fallada machte eine wichtige Miene, »aber sage mol ein Stückle von eurem Käsekuche, könnteschd du mir scho gschwind hole, oder?«

                                                                        ***
Johannes hatte nicht schlecht gestaunt, als er mitten in der Nacht von einer Käsekuchen mampfenden Schildkröte geweckt wurde. Nachdem Greta ihm erzählt hatte, dass Fallada ihnen bei der Suche nach der Schuld helfen würde, hatte er den übrig gebliebenen Käsekuchen mit einem »Plopp« in einer Tupperdose versiegelt.
 »Für, wenn wir unterwegs sind«, hatte er auf Falladas enttäuschten Gesichtsausdruck hin verschämt gemurmelt.

»Und i hab auch eine Bedingung«, sagte Fallada. Ihre Stimme klang ernst. Die Kinder hoben erwartungsvoll die Köpfe. »Ihr müschd mir und euch selbst vertraue. Habt ihr mi verstande?«
Zwei Kinderköpfe nickten eilfertig.
»Sich selbst vertraue, des ma des Richtige dut, isch ganz arg wichtig, gell?«
Wieder nickten die Kinder.

 »Na denn los!« Fallada tippelte voran. Trotz ihrer kurzen Beine, schien sie den beiden unglaublich behende.
Hinter dem Haus führte ein Weg vom Dorf weg über ein Feld in den Wald hinein. Fröstelnd stiefelten Johannes und Greta über Ackerfurchen und Feldhainbinsen. Das Rapsfeld, das Greta bei Tag freundlich gelb anlächelte, wirkte jetzt dunkel und grau. Die Wolken waren weitergezogen und im blauen Licht des Mondes erreichte die ungleiche Wandergesellschaft bald den Waldrand.
Sie bogen Sträucher und Gestrüpp auseinander und waren plötzlich umgeben von Eichen und Hainbuchen. Hier hatte sich die Aprilwärme des Tages gestaut. Aber Johannes schwitzte auch so; eine Nachtwanderung war doch etwas anstrengender, als den halben Tag vor dem Computer zu sitzen. Er zog seine Jacke aus, hängte sie über einen Ast und lief scheinbar achtlos weiter.
»Ja, wo gibt`s denn sowas«, schimpfte Fallada. »Gute Kleidung einfach wegwerfe. Wenn des dei Mutter wüsschde.«
»Ich werf die Jacke doch gar nicht weg. Ich hab sie doch nur dahin gehängt, damit wir den Weg finden, wenn wir zurückkommen!«, erklärte Johannes. »Nachdem wir die Schuld gefunden haben, natürlich ... «, fügte er mit einem raschen Seitenblick auf seine Schwester hinzu.

»Aber wo ist denn nun die blöde Schuld?«, quengelte Greta. »Mir tun die Schultern schon wieder so weh.«
»Net immer rumjammere«, sagte Fallada. »E bissle Geduld muss ma scho habe. Johannes du nimmschd jetzt dei Jack und mir ziehed weiter.«

Schweigend stapften sie voran. Grünlich schimmerten die Baumstämme im Licht des Mondes, doch dann wurde der Wald dichter und unwegsamer. Zweige schlugen ihnen ins Gesicht und immer wieder stolperten sie über Äste und Unterholz.
Vor ihnen erhob sich ein kleiner Berg. Fallada hechelte vor Anstrengung und auch Greta band sich ihre Jacke um die Hüften.
Johannes hielt sich auffallend oft am Ende der kleinen Karawane auf.

Als Greta und Fallada ächzend die Anhöhe erklommen hatten, plumpsten sie schnaufend, auf einen mit Moos bewachsenen Stein.
Morgendämmerung brach an. Die ersten Amseln tschilpten, ein Schwarzspecht hüpfte mit langen Krallen klackernd an einem Stamm auf und ab und ein Hirschkäfer krabbelte an Gretas Jeanshose hoch. »So früh in der Jahreszeit?«, fragte Greta. Sie nahm den kräftigen Chininleib auf und hielt ihn dem Zwielicht der aufgehenden Sonne entgegen. Stolz streckte der Käfer seine stattlichen, dunkelroten Zangen aus.

Johannes kam langsam den Hügel hochgeklettert und - Greta traute ihren Augen kaum -er zerbröselte hinter sich den kostbaren Käsekuchen in lauter winzige Krümel.
»Ja, was isch denn das!«, schrie Fallada. Greta ließ vor Schreck den Hirschkäfer fallen.

Falladas kleiner grüner Kopf wurde schwarzgrün vor Zorn, der Schildkrötenkörper richtete sich auf winzigen Beinen auf: »Ja, was isch denn das, Johannes! Koschdbare Nahrungsmittel verschwende! Wenn des dei Mutter wüschde... «
So schnell hatten Greta und Johannes noch keine Schildkröte rennen sehen. Fallada raste den Abhang hinunter, flog fast an Johannes vorbei und war im Wald verschwunden.
Johannes sah ihr verdutzt nach. «Was war das denn?«

»Und was machen wir jetzt?«, fragte Greta verdrossen, als sie eine Weile auf dem bemoosten Stein gesessen und vergeblich auf Fallada gewartet hatten. »Fallada kommt bestimmt nicht wieder«, konstatierte sie düster.
Vater und Mutter fielen ihr ein und sie spürte den Schmerz in der Kehle. Es war bereits hell und sicher hatten die Eltern inzwischen den Zettel gefunden, auf dem Johannes fein säuberlich geschrieben hatte:

Wir suchen die Schult und wir werden sie finden und wir bringen sie der bösen Nachparin zurük. Haben Euch ganz doll lieb. Eure Kinda Johannes und Greta

»Nie werden wir die Schuld finden und Mama und Papa wiedersehen«, flüsterte Greta und ihre Stimme zitterte.
»Doch«, sagte Johannes, »dafür hab ich extra den Käsekuchen zerkrümelt.«
Er hielt Greta die Tupperdose hin und sie teilten sich die restlichen Bröckchen.

Hingegen, als sie versuchten den Krümelweg zurückzuverfolgen, bekam auch Johannes es langsam mit der Angst zu tun. Zunächst konnten sie die Brösel noch ganz gut sehen, doch je weiter sie zurückliefen, desto mehr verlor sich die Kuchenspur im Waldboden. Schließlich standen die beiden Kinder ratlos da und schauten sich an.
 »Ich hab Angst«, flüsterte Johannes.
Er sah sich um. Hainbuchen, Eichenstämme, Haselsträucher und von Fallada keine Spur. Wo waren sie hergekommen? Wo wollten sie hin? Sie konnten es nicht mehr sagen.

»Du darfst keine Angst haben«, sagte Greta leise, »du bist der große Bruder. Wenn du Angst hast, dann kriege ich auch Angst. Du musst mich beschützen.«
Johannes sah betreten zu Boden und spießte mit einem Stöckchen die Blätter vom Waldboden auf. Waldameisen flohen in alle Richtungen.
Unentschlossen standen sie da.

»Fallada lässt uns nicht im Stich«, sagte Greta entschieden .
»Und wo ist sie, deine tolle Fallada?« Wütend knallte Johannes das Stöckchen gegen eine Buche. »Scheiß-Buche!«
»Also, ich wär jetzt wieder Nscho-tschi und du wärst wieder Winnetou«, schlug Greta plötzlich vor. »Wir wären jetzt in einem Wald mit ganz viel Buchen...«
»Wir sind in einem Wald mit ganz viel Buchen«, korrigierte Johannes.
»Schau mal diese Buche hier«, überlegte Nscho-tschi und zeigte auf einen der schlanken Stämme. »Als wir in den Wald gelaufen sind, habe ich nur grüne Baumseiten gesehen. Du auch?«
Lustlos zuckte Winnetou mit den Schultern.
»Und was siehst du hier?« Nscho-tschi deutete auf einen der silbrigen Stämme.
»Is` silber ... «, antwortete Johannes gereizt und malträtierte erneut den Buchenstamm mit freudlosen Asthieben. Dass die kleine Schwester ihm hier auch noch eine Schulstunde abhielt, war ihm gar nicht recht.
»Die grüne Seite ist doch die Moosseite, die Wetterseite. Und die Wetterseite liegt im Westen, also sind wir aus dem Westen gekommen und Manitou, also ich mein jetzt Fallada, hat uns Richtung Osten geführt. Ist doch ganz einfach. Wir gehen jetzt zurück in westliche Richtung und dann kommen wir nach Hause.«
Winnetou nickte zögernd: »Okay...? »

Aus seiner Umhängetasche kramte Winnetou die mitgebrachte Trinkflasche mit Limonade und reichte sie der kleinen Schwester. »Kannst den Rest trinken«, sagte er versöhnlich.
Doch dann teilten sie sich doch die übrigen Schlucke und machten sich wieder auf den Weg, jetzt in Richtung Westen.
»Ich hab ein Loch im Bauch vor Hunger«, sagte Greta nach einer Weile.
»Ich auch«, stimmte Johannes zu, »mir ist schon richtig schlecht.«
Sie kamen an eine Lichtung, setzten sich auf einen umgestürzten Baumstamm.
»Haben wir denn gar nichts mehr zu essen?«
»Nein«, wie wenn er ein Wunder erhoffte, hob Johannes den Deckel der Tupperdose an. Aber es gab kein Wunder, der Plastikbehälter war und blieb leer.
Greta sah sich um. »Schau mal!«, rief sie plötzlich und deutete auf den Waldboden.
»Da sind Erdbeerblüten«, sagte Johannes lakonisch, »na toll, Erdbeeren gibt´s aber erst im Juni.«
»Ich mein ja gar nicht die weißen Blüten, schau doch mal ...«, Greta beugte sich herunter und zupfte ein paar Kleeblätter ab. Jetzt sah auch Johannes die zart-lila-gestreiften Blüten direkt neben dem Baumstamm.
»Waldsauerklee«, sagte Greta, »hier ...« Sie reichte ihrem Bruder ein paar der grünen Blättchen.
»Schmeckt das aber sauer!« Johannes verzog das Gesicht.
»Egal, schmeckt trotzdem und ist erstmal was gegen den Hunger.« Greta begann die Kleeblättchen abzupflücken und füllte sie in die leere Plastikdose. »Zuviel davon soll man zwar nicht essen, hat Mama mal gesagt, aber bis wir zuhause sind ... Ich freue mich auf Mama«, sagte sie leise, »du auch?«
Johannes nickte. Greta schloss die Augen und hielt das Gesicht in die wärmende Mittagssonne. Es duftete nach Moder und Wald und nach Sehnsucht, »Vielleicht kann Mama sich wieder freuen, wenn die Schuld ...« Greta schoss hoch. »Die Schuld! Wir können doch nicht heimkommen, ohne die Schuld gefunden zu haben. Fallada wollte uns doch zur Schuld führen.« Sie ließ die Dose fallen und raufte sich verzweifelt die Haare, »Johannes«, rief sie, »die Schuld!«

Rasch sammelte Johannes die verstreuten Sauerkleeblättchen zurück in den Behälter und hastig brachen die Kinder auf.
Sie liefen zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Oder schräg dazu. Oder doch in Richtung Westen. Der Schreck, ihre eigentliche Mission vergessen zu haben, verwirrte sie vollends und so stolperten sie orientierungslos durch das Unterholz, bis sie an einen kleinen Fluss kamen.
Sie knieten ans Wasser und tranken, bis ihnen die Luft wegblieb. Erschöpft sanken sie auf den Waldboden. Denken konnten sie nicht mehr. Das Blut hämmerte in den Adern. Gurgelnd begleitete der Fluss das harte Pochen. Der Schwarzspecht bemeißelte tackernd einen Baumstamm.

Greta besann sich als Erste. Sie stützte sich auf den Ellenbogen und sah den Bruder nachdenklich an: »Wenn wir am Fluss entlanglaufen, in die Richtung, wohin der Fluss fließt, dann kommen wir entweder an einen größeren Fluss oder dahin, wo Menschen wohnen.
Johannes öffnete die Augen und richtete sich auf.
»Wollen wir zu den Menschen?«, fragte er und schob sich ein Waldsauerkleeblatt zwischen die Zähne.
»Nein«, antwortet Greta fest, »wir wollen die Schuld finden.«
»Also andere Richtung?«
»Also andere Richtung.«

Fast ärgerte sich Johannes über sich selbst. Er wollte ja schon seiner Schwester helfen, aber diese blöde Schuld konnte ihm langsam gestohlen bleiben. Er vermisste sein Zimmer, seine Computerspiele und es wurmte ihn, dass er nicht wenigstens seinen MP3-Player mitgenommen hatte. Missmutig kaute er auf dem blöden Kleeblatt herum. Wenn er wenigstens den Käsekuchen nicht zerkrümelt hätte.

                                                                         ***
Und so liefen die Kinder immer weiter am Fluss entlang, entgegen der Fließrichtung; denn sie wollten nicht zu den Menschen, sie wollten zum Ursprung, dorthin wo sie die Schuld vermuteten.

Abenddämmerung zog bereits auf, als sie auf der anderen Flussseite - noch undeutlich in der Ferne - etwas Ungewöhnliches wahrnahmen.
Zunächst war ihnen nicht klar, warum es ihnen so ungewöhnlich erschien. Die braun-graue Farbe des Ungewöhnlichen zerschmolz fast mit der Umgebung, aber das Ungewöhnliche war kleiner als die Bäume. Doch je näher sie ihm kamen, desto klarer wurde es. Sie näherten sich einer in der Natur ungewöhnlichen Form: einem Quadrat, nicht nur einem Quadrat, es war ein Schuppen - oder etwas Ähnliches.
Obwohl sie also geglaubt hatten, sich von den Menschen zu entfernen, hatten sie sich ihnen genähert. Fragend sah Johannes seine Schwester an.
Greta nickte. In ihrer kleinen Kinderseele spürte sie, ohne es benennen zu können, ein Vertrauen darein, dass alles gut werden würde, was das Schicksal oder der liebe Gott ihnen bescheren würde.

Als sie den Fluss bis in Höhe des Schuppens entlang gelaufen waren, sahen die Kinder, dass der Schuppen ein Häuschen war, ein Häuschen, wie sie es aus den Bilderbüchern ihrer Kleinkinderzeit kannten. 
Sie würden den Fluss überqueren müssen - wenn sie das Häuschen betreten wollten.
 
»Du hast die Seepferdchen-Prüfung gemacht, du hast es gut«, maulte Johannes, als Greta Anstalten machte, einfach ins Wasser zu steigen.
»Ja«, sagte Greta, »du hattest damals keine Lust auf den Schwimmverein.«

Rasch zog sie sich - bis auf die Schuhe - splitternackt aus. Ihre Kleidung hielt sie mit der Linken über dem Kopf und watete in den Fluss. Der Aprilfluss war eisig. Sie japste nach Luft. Sie drohte zu rutschen, zu fallen; dann spürte sie Festes unter den Schuhsohlen, große, flache Steine. Sie musste gar nicht schwimmen, sie konnte mit dem rechten Arm rudern und mit den Füßen auf den Steinen ans andere Ufer balanzieren.

»Bist du der Herr Jesus?«, rief Johannes, der nur sah, wie der Oberkörper seiner kleinen Schwester mit der stolz gehaltenen Fahne aus Kleidungsstücken sich auffallend rasch dem anderen Ufer näherte.
»Du auch!«, prustete Greta und stieg aus dem Fluss. Sie schüttelte sich kurz, trocknete sich mit ihrem Unterhemd und schlüpfte in ihre Kleidung.

Als auch Johannes sicher das Ufer erreicht und sich wieder angekleidet hatte, schlichen die Kinder an das Haus heran. 
»Da, da vorne ist die Eingangstür«
Greta nickte. »Da hängt ein Zettel«, flüsterte sie zurück. Die Kinder hatten keine Ahnung, warum, aber sie hielten es für angebracht zu flüstern.
Vorsichtig näherten sie sich der Tür. Johannes starrte auf den Zettel:

                                                                Bin auf dem Brocken.
                                                     Besenreparaturen erst wieder ab 2.Mai.
                                                                    Frau Hexi Hexa

»Aha ...« Die Tür war angelehnt. Behutsam zogen sie sie auf. Die Tür knarrte winselnd in den Angeln.
»Da muss man mal Öl rantun«, raunte Johannes wichtig.
Zaghaft traten die Kinder ins Dunkel.
 Johannes griff nach Gretas Hand.

»Des wurd aber au Zeit!«, knarrte eine Stimme aus einer der Zimmerecken.
»Fallada!« Greta schrie es fast und stürzte in den Raum.
»Immer zu spät komme. Wenn des eure Mutter wüssschde ... », lachte die Schildkröte keckernd.
Aber da hatte Greta Fallada auch schon an sich gerissen. »Fallada! Ich wusste es! Ich wusste, du würdest uns nicht im Stich lassen!«
Greta drückte und herzte die Schildkröte auf das winzige Maul.
Verlegen befreite sich Fallada aus der Umarmung und wischte sich mit den kurzen Vorderfüßen Gretas Speichelreste aus dem faltigen Gesichtchen.
»Und i wusste, dass ihr hierhin finde würdet. I war immer in eurer Nähe und hab auf euch aufpasst. Ihr habt euch ganz alleine ganz richtig verhalten. Späteschdens am Fluss hätt i mi eigmischt, wenn ihr flussabwärts glaufe wäret. Aber jetzt hab i noch zu tun«, sagte sie mit ihrer rauen Stimme und wieselte in den angrenzenden Raum.
»Wo sind wir denn hier?«, rief Greta ihr hinterher.
»Diese Hütte ghört einer guten alten Freundin von mir«, krächzte Fallada von nebenan, »sie isch Besebinderin und isch gerade auf einer .. », Fallada schien nach Worten zu suchen, »auf einer Besenbinderinnenparty auf dem Brocke, wie ihr ja sicher glese habt.«
Johannes und Greta nickten.
»Und jetzt?«, fragte Greta.
»I bin in der Küche«, rief Fallada.

»Hunger?« Die Geschwister schauten sich an.«Hunger!«
 Sie stürzten in die Küche. »Fallada!«
Fallada hatte ein Senftöpfchen in den Vorderpfoten und nickte in Richtung Herd, wo es aus einem Topf duftete und dampfte.
Die Kinder lupften den Deckel: Drei herrliche Weißwürste garten im Sud. Auf der Anrichte neben dem Herd standen drei Teller mit hellgebräunten Butterbrezeln. »Für uns?«, fragte Johannes ungläubig.
Fallada nickte und ihr kleines, verknittertes Schildkrötengesicht verzog sich zu einem freundlichen Grinsen. »Für uns.«

Schnell hatten Johannes und Greta den alten Holztisch in dem einzigen großen Wohnraum gedeckt und bald schmausten die drei Weißwürste und Brezeln und tranken heißen Tee dazu. Es schmeckte herrlich.

Als alle gesättigt waren, wackelte Fallada in die Küche: »I kümmre mi jetzt um den Abwasch und ihr dürft euch etwas umschaue. Vielleicht findet ihr ja was zum spiele.«
Die Kinder sahen sich um.
Johannes entdeckte einen Computer und begann herumzuklicken: »Nur mal kucken«, sagte er, »vielleicht hat Frau Hexa ein paar Spiele auf der Festplatte.«

»Und? Hast du was gefunden?«, fragte Greta später. Sie hatte in einem Regal Gesellschaftsspiele entdeckt. »Oder spielst du mit mir das hier?« Sie zog ein Scrabble aus dem Stapel.
»Och, ne, Greta, grad nicht, die Frau Hexa hat hier so´n Besen-Racing, echt cool!«

Als auch Fallada, mit einem Spültuch kämpfend, kein Interesse zeigte mitzuspielen, schüttete Greta die Buchstaben-Plättchen auf dem alten Holztisch aus.
Sie zog Plättchen und legte Wörter, legte einige Plättchen weg, zog neue dazu und legte neue Wörter; sie zog und legte, zog und legte.
MUTTER legte sie und BUTTER. Sie lächelte.
Dann BUCHEN und SUCHEN. Greta grinste.
SCHULE legte sie. Greta verzog das Gesicht.
Dann SCHULTER. Gretas Schultern begannen zu schmerzen.
Sie legte ein paar Plättchen weg, zog ein neues dazu.
Sie legte.

Ein Plättchen, einen Buchstaben nach dem anderen legte Greta auf den alten Holztisch der Besenbinderin Frau Hexi Hexa, während Fallada und Johannes anderweitig beschäftigt waren. Das S legte Greta , dann das C, das H, nun das U, das L, ... und das D ... SCHULD, da war sie, da lag sie vor ihr. Sie hatte sie gefunden, nun hatte sie die SCHULD.

Fallada rumorte weiter in der Küche.
Johannes starrte auf den Bildschirm und ahmte mit verzückter Miene das Geräusch fliegender Staubsauger nach: »Ooooiiiiiiing, ooooiiiiing, quietsch, pass doch auf, du Depp! Oooinnng, eh nicht überholen, das gildet nicht!«

Versteinert saß Greta vor dem alten Holztisch, die Schuld direkt vor der Nase. Ihre Schultern brannten.
Die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen.
 »Johannes!«, gellte sie.

Schlagartig standen Johannes und Fallada an ihrer Seite.
Falladas runzeliges Gesicht lächelte warmherzig. »Du bisch ganz na dran«, flüsterte sie.
»Was meinschd du?«, fragte Greta und merkte gar nicht, dass sie vor lauter Aufregung auch ins Schwäbische verfallen war.
»Willschd du deiner Mutter etwa Srabble-Täfele mitbringe?«
Verlegen schüttelte Greta den Kopf. Nein, sie hatte ja die Schuld, sie spürte, wie sie sich in die Schultern bohrte. Sie stöhnte auf vor Schmerz.
»Bitte Fallada! Tu was!« Der Schmerz des Schuldenfelsens auf ihrem Rücken drückte sie nieder und nahm ihr den Atem. »Ich ertrage die Schuld nicht. Ich halt das nicht aus. Ich sterbe.«
Greta rang nach Luft.

»Nein«, mit einem kräftigen Hieb seiner kleinen Vorderpfote durchfuhr Fallada die SCHULD-Plättchen-Reihe, dass sie auf der Holzplatte durcheinanderwirbelten. »Jetschd legschd dus nochmal«, sagte die Schildkröte, »ganz ruhig Gretele, jetschd legschd nochmal.«
Gehorsam nahm Greta die Plättchen auf, eines nach dem anderen und legte eines nach dem andern wieder auf den alten Holztisch im Wohnraum in der Hütte der Besenbinderin Frau Hexi Hexa:
Das L legte Greta, dann das U, das S, nun das C, das H, ... und das D ...
»LUSCHD«, las Johannes, »was soll das denn heißen?«
Greta spürte, wie die Last auf ihrem Rücken weniger wurde, wie der Felsbrocken von ihren Schultern langsam, ganz langsam abglitt.
»Luschd«, flüsterte sie, »Lust ...«
»Ja«, sagte Fallada leise. »Da isch koi Schuld, Greta. Aber du darfschd Luschd habe, Luschd zu lerne, Luschd zu spiele, Luschd zu lebe. Da isch koi Schuld.«

»Das muss ich Mama sagen!« Greta sprang auf.
»Ja«, sagte Fallada ruhig und begann eine Kühltasche mit Würsten, Limonade und Brezeln für den morgigen Rückweg zu bepacken, »aber koi Sorge, dei Mutter woiß es.«